Unterverwandlungen

Ich entschuldige mich dafür, daß ich den Großteil der Beispiele aus Tim Krabbés Buch "Schach-Besonderheiten Band 2" entnehme. Der bekannte holländische Kuriositätensammler hat jedoch alle bis 1986 bekannten Unterverwandlungen aufgelistet, sodaß es sinnlos wäre, nicht auf sein Werk zurückzugreifen! Auf seiner Website hat er übrigens über 40 Unterverwandlungen in Partien aufgelistet. Soweit keine andere Quelle angegeben ist, stammen die Stellungen aus Krabbés Buch. Falsche oder fehlerhafte Stellungen sind der jeweiligen Quelle anzulasten!

Kaufen Sie unbedingt dieses großartige Buch! Siehe auch Bücherliste

Schach-Besonderheiten Band 1: ISBN 3-612-20306-1
Schach-Besonderheiten Band 2: ISBN 3-612-20336-3

Übrigens waren die Umwandlungsregeln nicht immer klar definiert, sodaß man früher in jede beliebige Figur umwandeln durfte. Mein Lieblingsbeispiel dazu, das leider in Krabbés Buch fehlt:

K.A.L. Kubbel
Quelle? (Deutsche Schachzeitung 1923???)
Matt in 2 Zügen

1.e8sK!! Kd8 2.Dd7##


Inhalt dieser Seite

Läuferumwandlungen in Partien

Turmumwandlungen in Partien

Die Studie von Barbier und Saavedra

BABSON - Der unglaublichste aller Tasks

Der zyklische Babson

Bei den Turm- und Läuferumwandlungen werden nur Fälle berücksichtigt, in denen die Unterverwandlung die einzige Möglichkeit darstellte, zu gewinnen oder zu remisieren, oder, in denen die Unterverwandlung die schnellste Möglichkeit darstellte, etwa wenn ein Plan ansonsten am Patt scheiterte (wie in der Partie aus Capelle la Grande 2004).

Läuferumwandlungen in Partien (eine Auswahl)


Sokolsko - Ravinski, UdSSR 1933 oder 1938
Weiß am Zug

66.a8L!!, und Weiß gewann. Wie Weiß gewann oder weitere Informationen zu dieser Partie ließen sich leider nicht auftreiben. Sicher ist jedoch, daß diese Partie gespielt wurde. Ich muß deshalb hier die Analyse wiederholen, die Tim Krabbé in seinem Buch angibt. Es gibt fünf Möglichkeiten.

A) 66...Tc8 67.Le4 Lc6 68.Lxc6! (ab hier gefunden von Cortlever) 68...Ta8! 69.La4  Te8 70.Ka3!! Ta8 71.Te6!! fxe6 72.Kb4 Kf7 73.Lc6 Tb8+ 74.Kc5 und Weiß gewinnt einfach, da 74...Txb3 an 75.Le8+ scheitert!

B) 66...Kh5 67.Le4 Txh6 68.Ka3! Th5 69.Tb8 Te5 70.Lc6 und Gewinn (Cortlever). Tim Krabbé weist hier auf 68.Tb8 Txf6 69.Txe8+ hin, aber die Analyse Cortlevers ist überzeugender.

C) 66...Tc7 67.Ld5 Ld7 68.Td6 Le8 69.Lxf7+ Kxf7 70.Td8, und Gewinn, da die Drohung 71.Txe8 nicht vernünftig abzuwehren ist.

D) 66...Tc8 (Ich gebe die nun folgende Variante nur an, weil sie in Krabbés Buch steht, da Variante A ebenfalls zum Gewinn führt.) 67.Ld5 Td8 68.Lc4 Tc8 69.Tb7 Td8 70.Te7, und der weiße König rückt zur Exekution des schwarzen Turmes an, wonach Weiß leicht gewinnt.

E) 66...Te5! (mit der Idee 67.Td6 Lc6 68.Td8+ Le8 69.Td2 Lc6 70.Lb7 Te8 71.La6 Lb7 72.Lxb7 Te2 73.Txe2 Patt) 67.Lf3!! Tf5 68.Le4 Te5 69.Ld3 Lb5 70.Lc4 Lxc4 71.Tb8+ nebst matt.

Reshko - Kaminski, Leningrad 1972
 Weiß am Zug

1.a8L! Db3 2.Dd7 Dg8 3.Ld5
Schwarz überschritt die Bedenkzeit, aber die Stellung ist verloren. Weiß bringt den Läufer nach g6 und tauscht die Damen auf e8 ab. Danach kann er mit den Bauern durchbrechen und den letzten Bauern durch Zugzwang erobern.

Kholmow - Elvest, Halbfinale der Meisterschaft der UdSSR , Wolgodonsk 1983
Weiß am Zug

72.Ta1 h1L! 73.Tf1 Th8 74.Tf7 Te8 75.Kc5 e5 76.Kd6 Lb7, und Weiß gab die hoffnungslose Partie auf. Schwarz wird mit dem e-Bauern den weißen Turm gewinnen.

Wladimir Baklan - H. Pham Minh, Capelle la Grande 2004, (6.Runde?)
Weiß am Zug

49.Td7 c1L!! 50.Dxc1 De5+ 51.Kg1 Dg3+ 52.Kf1 Ld3+ 0-1

Nach der Damenumwandlung 49...c1D?? hätte Weiß remis durch 50.Dg5+!=

Quelle: "Schach" 04/2004, S.67

wird fortgesetzt...

Turmumwandlungen in Partien (eine Auswahl)

Diese Sektion wird vielleicht irgendwann erweitert.

Die Studie von Barbier und Saavedra

 

Georges Emile Barbier und Fernando Saavedra
Glasgow Weekly Citizen, 18.05.1895
Gewinn

1.c7! Td6+ 2.Kb5 Td5+ 3.Kb4 Td4+ 4.Kb3/Kc3 Td3+/Td1 5.Kc2 Td4!! 6.c8T!! Ta4 7.Kb3!!, und Weiß gewinnt den Ta4 oder setzt Matt.

Ich zitiere John Selman, die Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von mir:
"Die Lösung dieser Diagrammstellung [wKb6 Bc7 sKa1 Td5, Weiß zieht, Schwarz hält remis, mit 6.c8D Tc4+ 7.Dxc4] erschien am 11. Mai 1895. Barbier war sich sicherlich nicht bewußt, daß er in der Woche zwischen dem 4. und dem 11. Mai seine Chance, unsterblich zu werden, vertan hat! Unter den Lösern von Barbiers Kolumne war ein mittelmäßiger Schachspieler, dessen Name - dem Zufall sei Dank - ewig in der Schachliteratur weiterleben wird: Saavedra! Es ist sicherlich ein seltsamer Gedanke, daß Saavedras Name in der Schachwelt unbekannt geblieben wäre, wenn Barbier nicht diese Fehler gemacht hätte! Welcher Endspielkomponist wäre wohl sonst von Fortuna dazu ausersehen worden, die Saavedra-Stellung als die Beste seiner Kreation bezeichnen zu können? Zwischen dem 4. und 11. Mai löste Saavedra Barbiers Studie, einige Tage später jedoch untersuchte er die Position erneut und entdeckte dieses Mal etwas Sonderbares. Nach 5...Td4 gewinnt Weiß, wenn er den Bauer nicht in eine Dame, sondern in einen Turm umwandelt! Eines Nachmittags kurz nach dem 11. Mai ging Saavedra in den "Glasgow Chess Club". (...)
Die Überraschung war groß, als Saavedra erzählte, daß das angebliche Remis eine Gewinnstellung für Weiß ist, und das Erstaunen verwandelte sich in enthusiastische Verblüffung, als Saavedra seinen Zug zum ersten Mal demonstrierte! (...)"

Tim Krabbé meint:
"Die Saavedra-Position wäre zweifellos eines Tages gefunden worden - so, wie es passierte, war die Stellung ein wahrhaft zufälliges Kunstwerk. Es gab keinen Grund für Barbier, den Bauern nach c7 statt nach b7 zu stellen [in wKb6 Bc7 sKh6 Td5; Schwarz zieht, Weiß gewinnt; 27.04.1895, als Barbier versuchte, eine Partie zwischen Potter und Fenton zu rekonstruieren], und die Rolle, die der Zufall spielte, wird dadurch noch deutlicher, daß Barbier wenige Monate später starb."

Diese Geschichte treibt mir auch heute noch Tränen der Rührung in die Augen, denn Barbier und Saavedra wären niemals unsterblich geworden, wenn Barbier nicht diese Fehler begangen hätte. Betrachten wir diese Studie vom rein schachlichen Standpunkt aus: Weiß hat diesen einen Bauern, der keine Chance hat, sich in eine Dame umzuwandeln und Barbier hat auch folgerichtig das Patt konstruiert, als er mit der Partie herumexperimentiert hat. Es ist allgemein bekannt, daß nur eine Dame gegen einen Turm gewinnen kann und genau diese Möglichkeit fehlt hier Weiß. Saavedras Verdienst besteht nun nicht etwa darin, diese Studie nur widerlegt zu haben, nein, er bot gleichzeitig durch die Widerlegung eine Korrektur an, mit der Weiß nach 6.c8T gerade noch rechtzeitig Matt droht, um nach 6...Ta4 7.Kb3!! den schwarzen Turm zu erobern und das wohl größte Meisterwerk der Schachgeschichte zu erschaffen! Ich übertreibe nicht, zu sagen, daß dieses Stück auch heute noch eine Faszination ausübt, die keine andere Studie jemals haben könnte...

Inzwischen wurden über 65000 Studien komponiert, doch dieser eine Schritt dieses winzigen Bauern, der nicht einmal so geplant war, übertrifft sie alle! Sehen wir uns also noch einmal den schönsten und wahrscheinlich meistgedruckten Zug der gesamten Studienliteratur an.

6.c8T!! und Weiß gewinnt!

 

Aber stammt dieser Zug überhaupt von Saavedra? Handelt es sich vielleicht bei dieser Studie um eine unbeabsichtigte Nachschöpfung? Dies behauptete jedenfalls der Ire James Alexander Porterfield Rynd (1846 [oder 1847] - 19.03.1917), der sich selbst (zurecht?) als Erfinder der Stellung sah.

Wie mir der Schachgeschichtsforscher Günter Büsing (Schriftführer von "Die Schwalbe") mitteilte, wurde die Stellung niemals von J.A.P. Rynd als Studie publiziert. Der Autor bleibt damit G.E. Barbier bzw. Barbier und Saavedra!

Selbstverständlich entstanden später weitere Bearbeitungen zu diesem Thema. Die Bearbeitung Troitzkys ist etwa sehr bekannt!

Alexei Troizki
Ceské Slovo 1924 (Korrektur), 5. Preis

1.h7 Tg5+ 2.Kxd6 Lxh5 3.Kc7 Le6 4.Kb8 Ld5! 5.Txd5 Txd5 6.h8T! Td6 7.Kc7

Ich bin mir nicht sicher, ob der Bauer d6 wirklich nötig ist, also ob Weiß ohne ihn auch mit 1.Ke5 gewinnen könnte! Troitzky scheint dies jedoch befürchtet zu haben, und es gibt keinen Grund, den Bauern zu entfernen.

Die meisten Bearbeitungen zu diesem Thema sind relativ langweilig, und da ich die Studie von Mark Savielywitsch Liburkin auf der nächsten Seite vorstellen werde (wenn sie denn einmal fertig wird), zeige ich hier noch zum Schluß eine nette Studie von Mamataliev.

K. Mamataliev
Shakhmaty v SSSR 1980, Nr. 37, 2. Speziallob
Gewinn

1.Sg5 und zwei Varianten:
1...Te5+ 2.Kd2 Txg5 3.g4 Txg4 4.Ld6! (4.Lh6? Td4+=) 4...Tg2 5.Ke3 Tf2 6.Lf4 (6.Kxf2?=)
1...Txg5 2.g4 Txg4 3.Lh6! (3.Ld6? Tg1+ 4.Ke2 Tf1 5.Kxf1=) 3...Te4+ 4.Le3 Txe3+ 5.Kf2 Te4 6.f8T! Th4 7.Kg3

BABSON - Der unglaublichste aller Tasks (mehr Babsons hier)


Auf der Jagd nach dem "Unmöglichen"

Dieses Thema ist so umfangreich, daß ich es hier nur auszugsweise bearbeiten kann, indem ich einige historische Details, Jaroschs ersten Babson, den Babson-König und den zyklischen Babson angebe. Eine komplette Liste aller Babsons finden Sie in meiner Babson-Liste.

Ich finde Problemschach an sich etwas schwierig. Die meisten Löser schaffen es nicht mehr, einfachste Tasks zu erkennen, sondern "belabern" den unkundigen Leser mit wahnsinnig buchstabenintensiven Themen wie Thema A, Thema B, Thema C, Thema D, oder mit speziellen Fachbegriffen wie einem "Le Grand", was sich wie ein überaus majestätisches Thema anhört, aber in Wirklichkeit nur nach Piet le Grand, einem Problemisten, benannt wurde. Ich verspreche Ihnen, im Gegensatz zu den meisten Problemthemen ist der Babson lächerlich simpel zu erklären - und dennoch fast unmöglich umzusetzen. Ich würde hier gerne die komplette Lebensgeschichte von Pierre Drumare erzählen, aber dies würde wahrscheinlich zu viel Platz wegnehmen, deshalb verweise ich erneut auf Tim Krabbés Buch (siehe Bibliothek) oder seine Website, die Sie bei den Links finden.
Jedenfalls versuchten sich fast alle Größen des Problemschachs am Babson. Die Idee einer beidseitigen Allumwandlung stammt von Joseph Ney Babson (1852-1929) aus dem Jahr 1914. Babson selbst veröffentlichte in diesem Jahr eine beidseitige Allumwandlung, als Selbstmatt in 3 Zügen, aber es wandelten drei weiße Bauern um. Babson selbst reduzierte dies 1925 auf zwei Bauern, aber um die Sache zu beschleunigen, setzte ein Amerikaner namens Powers einen Preis von 20 Dollar aus, oder 25 Dollar, falls auch noch der Schlüsselzug eine Unterverwandlung war. Zu Babsons Ehre nannte Powers das Turnier "Babson-Turnier", und seitdem heißt die beidseitige Allumwandlung Babson-Task.
Hier noch der Gewinner des Turniers. H. August und W. Krämer haben beinahe identische Stellungen eingereicht, aber Bettmann scheint es früher eingereicht zu haben, jedenfalls hat er das Turnier gewonnen, und immer noch ist sein Stück das berühmteste unorthodoxe Schachproblem:

Henry Wald Bettmann
Babson-Turnier (Thematurnier) 1929, 1. Preis
Selbstmatt in 3 Zügen

Das Matt ist ganz offensichtlich ...Txa6#. Da aber nach 1...bxa6 weit und breit kein Matt mehr zu sehen wäre, ist Weiß zu 1.a8L gezwungen, die Damenumwandlung würde den Ta6 unnötig verteidigen. Schwarz ist jetzt beinahe zugunfähig und nur noch der Bauer muß beseitigt werden, was aber nicht schwierig aussieht, da eine Umwandlungsfigur keine Fluchtfelder haben wird. Der Versuch, durch die Damenumwandlung ein Schach auf c5 zu drohen, scheitert offensichtlich: 1...fxg1D 2.f8D Dxc5+ (oder 2...Dxf1) 3.b5+! Dxb5#, auf allen anderen Feldern wird die Dame sofort abgeholzt. Um nach dem Schlagen auf f1 keine Probleme zu haben, kann auch eine Turmumwandlung folgen: 1...fxg1T!, da die weiße Dame von f1 das Mattfeld a6 verteidigen würde (2.f8D? Txf1!). Aber Weiß setzt mit 2.f8T! Txf1 3.Txf1 Txa6# fort. Da auch das Schlagen auf c5 gescheitert ist, hat Schwarz die Idee, in einen Läufer umzuwandeln, aber das Gegenmatt auf c5 wird wieder verhindert: 1...fxg1L! 2.f8L! Lxc5 3.Lxc5 Txa6#. Schwarz scheint mit seinem Latein am Ende, aber es existiert noch eine überraschende Verteidigung. Die Dame muß d7 verteidigen, aber zugleich auch f3, womit sie überfordert ist. Deshalb 1...fxg1S!!, und die Dame ist überlastet. Da aber auch der Springer kein Fluchtfeld hat, kann Weiß d7 verteidigen, und das Matt ergibt sich dann auch nach 2.f8S!! Sxh3 3.Txh3 Txa6#

Spätestens nach diesem Turnier muß sich auch die Frage gestellt haben, ob ein so unglaublicher Task auch in einem orthodoxen Problem dargestellt werden kann. Es war schnell klar, daß vier Züge nötig wären:

1. Weiß macht den Schlüselzug, Schwarz wandelt seinen Bauern um und droht bei Turm und Läufer Patt.
2. Weiß wandelt in dieselbe Figur um, Schwarz zieht
3. Weiß zieht, die schwarze Verteidigung ist gescheitert
4. Weiß setzt matt.

Hier versagten alle großen Komponisten. Ein russisches Schachkompositions-Lexikon nannte den Task unmachbar, während sogar André Chéron, für den es relativ einfach war, Allumwandlungen oder achtfache Springerumwandlungen zu basteln, erkannte, daß dieser Task "der größte von allen, übermenschlich" ist. In den Sechzigern trat dann der Pariser Metallurgie-Ingenieur Pierre Drumare auf den Plan, der Vorkämpfer des Tasks, dessen einziges Lebensziel es wurde, dieses Stück zu kreieren und der in beinahe einem Vierteljahrhundert Arbeit Millionen von Stellungen ausprobierte, um dieses größte aller Werke zu vollenden. Das Monster wollte sich jedoch nicht zähmen lassen und Drumare baute 1980 ein Stück, das beinahe das schönste Problem der Schachgeschichte geworden wäre...

Pierre Drumare
Seneca-Memorial 1980, Pierre-Drumare-Spezialpreis
Matt in 5 Zügen

Ich muß diese jahrelange Arbeit zutiefst bewundern. Für den durchschnittlichen Problemisten muß sich die Stellung als abscheulich darstellen, aber wenn man bedenkt, daß dies das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit bei vier Stunden täglicher Suche nach dem Unmöglichen war (Drumare haßte am Schluß den Springer oft wegen seiner geringen Reichweite und hätte ihn gerne durch den Nachtreiter ersetzt, da seiner Meinung nach der Springer nicht babsontauglich war), scheint dies der absolute Gipfel gewesen zu sein. Die Lösung ist wunderschön, zumindest für die damaligen Babson-Verhältnisse. Zuerst werden offensichtlich die Springer gefesselt, dann geschieht das Wunder:

1.Tf2 mit vier thematischen Varianten:
1...cxb1D 2.fxg8D Dc2 3.dxe4+ Dd3 4.Dg5 und 5.Dxe3# (4.Dg7, 4.Dg3, 4.Dd5)
1...cxb1T! 2.fxg8T!! dxe3 3.Tg5, 4.Tg3+ und 5.Lxe3#
1...cxb1L! 2.fxg8L!! Lxd3! 3.Ld5!, 4.Lxe4+ und 5.Txd3#
1...cxb1S 2.fxg8S Sa3+ 3.T4xa3 exd3 4.Sf6! Kc3 5.Se4#

Dieses Stück zeigt, warum es unmöglich sein mußte, den orthodoxen Babson zu kreieren. Der schwarze König mußte eingesperrt werden, damit er nicht fliehen kann, was offenbar die Schuld des Springers war, dessen Reise nach e4 zu lange dauert. Drumare forschte noch weiter, aber fand keinerlei Möglichkeit, sein Stück weiter zu verbessern. Im Jahr 1982 erschien in Thémes-64 ein Artikel Drumares mit dem apokalyptischen Namen "Mein letzter Schritt in Richtung auf das Unmögliche - 22 Jahre erschöpfende Arbeit an dem Babson Task", in dem dieser schreibt, wie ihn sein Freund Bertin im Jahre 1960 auf den Babson-Task hinwies, an der sich "die größten Komponisten ohne Erfolg versucht haben". So "wurde in mir ein Gedanke geboren, der bald zur fixen Idee wurde. (...) 22 Jahre wurde mein Verstand durch diesen Task vergiftet (...), der mich fast wahnsinnig gemacht hat."
Dann beschreibt er seine Lebensgeschichte, und entschließt sich zu einem letzten und finalen Schritt, um von diesem Task loszukommen. Er beendet seinen Artikel mit den Worten:
"Nach 22 Jahren erschöpfender Arbeit, habe ich jetzt die Gewißheit, daß die vierfache "Echo"-Umwandlung niemals in einem orthodoxen Problem realisiert werden wird. Ich möchte noch nicht einmal mehr über diesen spektakulären Task nachdenken: Heute bin ich meinen letzten Schritt auf dem Weg zum Unmöglichen gegangen!"

Das war es, Ende, aus! Keine weiteren Artikel zum Babson-Task, der niemals realisiert werden wird. Drumare hat jedoch 1983 wieder begonnen, über den Babson zu schreiben. "Schuld" daran hatte das zweite Stück eines bis dahin völlig unbekannten großen russischen Talents, das den Komponisten unsterblich machen sollte:

Leonid Vladimirovitch Jarosch
Shakhmaty v SSSR, März 1983, Nr.23
Matt in 4 Zügen

Das nebenlösige Stück, das Jarosch zuerst vorgelegt hatte, korrigierte er, indem er den Bauern auf h4 durch einen Springer ersetzte. Da war er, der orthodoxe Babson, und viel schöner, als man es sich je hätte träumen lassen. Nach beinahe einem Dreivierteljahrhundert der Wirrungen und alleine 22 Jahren intensivster Forschung durch Drumare hatte ein völlig Unbekannter die Problemgeschichte vorangebracht.
Tim Krabbé schrieb dazu: "Verglichen mit Drumare, Lindgren und Geyerstam hatte Jarosch nicht nur den Weltrekord über 100 Meter gebrochen, sondern er hatte ihn auf glatte 8 Sekunden heruntergeschraubt."
Drumare selbst schrieb: "Ich habe mich geirrt, und ich freue mich für die Kunst des Schachproblems! Über 20 Jahre habe ich an den falschen Aufstellungen gearbeitet. (...) Dank der durch den "unvollständigen Springer" gebildeten Batterie, war der Sieg möglich. (...) Es gab Millionen von Sackgassen (...). Und der Autor kannte keine der vorangegangenen Arbeiten: Das war ohne Zweifel der Schlüssel zu seinem Erfolg! (...) Alle Problemkomponisten können L. Jarosch gratulieren, der das Problem des Jahrhunderts kreiert hat."
Nicht nur das! Drumare schrieb auch noch einen persönlichen Brief an Jarosch zu einem weiteren, im selben Jahr erschienen Babson: "Ihr Problem wird in Zukunft bewundert werden, wie wir die Meisterstücke unserer Vorfahren in Museen und Kathedralen bewundern."
Da Schwarz nach der sofortigen Springerumwandlung genügend Schachgebote hat, muß Weiß sofort den Springer schlagen. Danach ergeben sich die thematischen Varianten:

1.Txh4 cxb1D 2.axb8D Dxb2 3.Db3 Dc3 4.Dxc3#
2...De4 3.D/Txf4 Dxf4 4.T/Dxf4#
Daraus ergeben sich die Turm-und Läuferumwandlung
1...cxb1T 2.axb8T! Txb2 3.Tb3 Kxc4 4.Txf4#
1...cxb1L 2.axb8L! Le4 3.Lxf4 und 4.Le3/5#
Zum Schluß kann Schwarz auch noch versuchen, die Schwäche von c3 auszunutzen...
1...cxb1S! 2.axb8S!! Sxc2 3.Sc6+ Kc3 4.Tc1#
oder 3...Ke4 4.Txf4#

Dieser Task ist übrigens so faszinierend, daß sich nicht nur Größen des orthodoxen Problemschachs an ihr versuchten. Der bekannte Selbstmattkomponist Karlheinz Bachmann hat sich ebenfalls an ihr versucht, und es ist wohl nur ein glücklicher Zufall, daß der Schweizer Martin Hoffmann, heute Sachbearbeiter bei der Schweizerischen Schachzeitung (SSZ), und Karlheinz Bachmann zur selben Zeit, unabhängig voneinander, einander ähnliche Probleme geschaffen haben. Das Wunder wird durch die Hintergründe etwas klarer: Karlheinz Bachmann und Martin Hoffmann verwendeten beide die Matrix der Babsons von Peter Hoffmann mit dem schwarzen König auf der 7. Reihe, und wurden offenbar durch den Schwalbe-Aufsatz "Die Flut der Babson-Tasks" im Dezember 1986 inspiriert. Dort machte Peter Hoffmann auf die "Kompositionslücke" auf der 6. Reihe aufmerksam.

                           

Karlheinz Bachmann                                                 Martin Hoffmann

Die Schwalbe
Heft 105, Juni 1987
Nr. 5844 (KB) und 5845 (MH)
Matt in 4 Zügen

Die Lösungen dürfte nun wohl jeder selbst finden. Ein Babson mit einem schwarzen König auf der sechsten Reihe war etwas völlig Neues. Wie immer sind die Könige von einem Gefängnis aus weißen Figuren umgeben, da sie sonst fliehen könnten. Der Preisrichter hätte wohl auch eine schwierige Auswahl treffen müssen. Man kann nicht viel mehr von einem Babson erwarten, als das, was zu diesem Zeitpunkt gezeigt worden war, etwa die doppelte Allumwandlung, ohne zu schlagen, und einen Babson mit dem schwarzen König auf der dritten Reihe. Sogar Drumare hatte einen Babson gebastelt, obwohl dieser fünf Züge hat. Doch warum war es ein glücklicher Zufall, daß Hoffmann und Bachmann im selben Heft publiziert wurden? Nun, sehen Sie, was Peter Hoffmann (nicht verwandt mit Martin Hoffmann) aus dieser Vorlage gemacht hat! Die Komponisten haben sich darauf verständigt, daß dieses Stück als Dreimannproblem veröffentlicht werden sollte.

 

Der "Babson-König"

Peter Hoffmann, Karlheinz Bachmann und Martin Hoffmann

Die Schwalbe
Heft 109, Februar 1988
Nr.5644/5645 (Version), 3. Preis
Matt in 4 Zügen

Dies ist nicht nur eines der Stücke mit den wenigsten Steinen, bei dem beide Seiten die Umwandlung schlaglos hinter sich bringen, der erstaunliche Schlüssel 1.hxg7!! gibt dem schwarzen König auch noch ein Fluchtfeld, was im Babson als unmöglich galt. Zu den vier thematischen Varianten gesellt sich also auch noch das unthematische 1...Kxg7 2.Sg5!! Kh6 3.Tg8 dxc1D 4.Tg6#
Die thematischen Varianten:
1...d1D 2.g8D Dxd4+ 3.c4 Dxb2 4.Dg6#
1...d1T 2.g8T! Txd4+ 3.c4 Kxf7 4.Tdf8#
1...d1L 2.g8L! Kg7 3.c4 Kf6 4.d5#
1...d1S! 2.g8S+!! Kg7 3.f6+ Kg6 4.Dxc2#

Das läßt sich nicht mehr überbieten! Verglichen mit Krabbés Zitat zu Jaroschs Stück hatte Peter Hoffmann den Weltrekord für 100 Meter erneut gebrochen und ihn auf glatte 5 Sekunden heruntergeschraubt!
Warum Dr. Klaus Wenda diesem Stück den 1. Preis verweigert hat, kann ich nicht nachvollziehen, allerdings kenne ich mich auch nicht mit Mehrzügern aus. Immerhin schreibt er im Preisbericht in "Die Schwalbe" Heft 119, Oktober 1989, Seite 132: "Der synergetische Effekt des deutsch-schweizerischen "brain-trust" hat einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Perfektionierung des stets faszinierenden Babson-Tasks gesetzt."
Nun, der orthodoxe Babson dürfte damit perfektioniert sein...

Peter Hoffmann arbeitet auch heute noch am Babson. Seine Artikel erscheinen regelmäßig in bekannten Problemzeitschriften, vor allem "Die Schwalbe". Er gilt als der schöpfungsreichste Babson-Komponist und wird die Schachwelt sicherlich noch mit vielen weiteren Babsons entzücken. Denn nach wie vor gibt es viele weiße Flecken auf der Babson-Landkarte und mutige Pioniere sind gefragt, um diese auszufüllen.
Man sollte sich zuerst nicht um Unterverwandlungsfiguren kümmern, denn Pierre Drumare schrieb einmal in einem persönlichen Brief an Peter Hoffmann:
"Même avec des pièces de promotion, un Babson aura toujours de la valeur."

Babson-König-Bildergalerie (lange Ladezeit)

 

Man kann nicht viel mehr verlangen, aber sehen Sie, was ein brasilianischer Komponist 2005 gemacht hat!

Zalmen Kornin
Problemesis 2005
Matt in 4 Zügen

Die Verführung ist 1.gxh8L exd1L!!, die Lösung 1.gxh8D usw.
Ich überlasse es den Lesern, die Varianten zu finden oder in der Babson-Liste bei Nr. 22 nachzusehen!


Ich fahre fort mit weiteren Worten Drumares:
"Wer macht es besser? (...) und wer wird das Schachproblem auf der Suche nach dem Unmöglichen voranbringen?"

Unmöglich?

Die Antwort darauf gab uns ein weiteres Mal Peter Hoffmann mit der Erstdarstellung eines zyklischen Babson ohne Umwandlungsfiguren!

Peter Hoffmann
Schach 09/2005, S.78, Nr. 15.778
Matt in 4 Zügen

1.Lxc6! mit den vier Varianten...
1...d1D 2.gxf8L!! Dd4+ 3.exd4 Kxf6 4.d5#
1...d1T 2.exf8S+!! Kd6 3.c8S+! Kc7 4.Se6#
1...d1L 2.gxf8T!! Kd6 3.Dd2+ Kc5 4.Dd4#
1...d1S 2.gxf8D!! Sc3+ 3.Kxa5 Ke5 4.De7#

Damit kann nach 92 Jahren ein weiteres Kapitel in der Babson-Saga aufgeschlagen werden! Herzlichen Glückwunsch an Peter Hoffmann, der einmal mehr das Unmögliche möglich gemacht hat!
Ich fürchte, daß hier selbst der 1. Preis noch zuwenig wäre. Für derartige Stücke sollte man einen Über-Drüber-Spezial-Superpreis einführen. Ein Babson ist immer etwas ganz besonderes, und wenn es der erste zyklische ist, umso mehr.

 Peter Hoffmann hat die Herausforderung brillant gemeistert. Er arbeitete alleine am zyklischen Babson zweieinhalb Jahre lang, und wenn man bedenkt, daß er die Entwürfe mit einem Computer prüfen konnte, mag man sich nicht ausmalen, wie lange ein solches Stück früher gedauert hätte!
(Oder man mag, die erste orthodoxe Allumwandlung hatte 12 Jahre Entwicklungszeit...)

Und es ist trotz der Makel wunderschön! Hoffen wir auf eine glorreiche Zukunft für das Schachproblem und besonders den Babson!

PS: Nur wenige Wochen nach dem ersten zyklischen Babson hat Peter Hoffmann weitere Versionen des Problems, diesmal makelloser, vorgestellt! Seine Version aus "Schach", Dezember 2005, hat einen Spezialpreis erhalten.

Dennoch, es gibt noch weiße Flecken auf der Babson-Landkarte, aber diese werden nur Problemspezialisten interessieren. Wenn man nicht nach Unmöglichem verlangt, dürfte nun alles Wichtige erforscht sein! Ich danke allen Komponisten für die Freude, die ich beim Betrachten dieser Wunder hatte, besonders Leonid Yarosh und Peter Hoffmann für die großen Durchbrüche, sowie Pierre Drumare für sein Lebenswerk!

Babson-König-Bildergalerie (Die Schwalbe)

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(c) 2005-2006 Siegfried Hornecker