Bauernendspiele

Hier stelle ich einige lehrreiche Bauernendspiele vor, die erfahrenen Partiespielern relativ simpel vorkommen mögen, aber doch manchmal sehr trickreich sind.

Beispiel 1

Frank Prescha (2280) - Patrick Florath (2305)
NRW-Liga II 1998/99, 06.05.1999
Weiß am 62. Zug

Im soeben geschehenen 61. Zug wurden die Türme auf e3 getauscht, und es ist klar, daß der Bf3 verlorengeht. In der Partie geschah der Anfängerzug 62.Kg2?? f4!-+, und Weiß gab auf!
Jeder halbwegs gute Spieler sollte die Regel von der Opposition kennen, nach der paradoxerweise ein Bauer auf der fünften Reihe immer gewinnt, aber bei einem Bauern auf der vierten Reihe der Überlegene auch die Opposition haben muß. Bei Schwarz sind dies entsprechend umgekehrt die vierte und fünfte Reihe. Nach dem fehlerhaften 62. Zug gelangt der schwarze Bauer auf die 4. Reihe und entscheidet, auch wenn Weiß sich mit 63.Kg1 Kxf3 64.Kf1 Ke3 65.Ke1 f3 66.Kf1 f2 67.Kg2 Ke2° noch weiterhin gewehrt hätte.
Ein einfaches Remis war möglich, indem Weiß in der Diagrammstellung 62.f4! Kxf4 63.Kf2!= spielt. Wie kann es sein, daß ein NRW-Liga-Spieler das nicht weiß?

Beispiel 2

Enis Bilyap (2078) - Helgi Olafsson (2491)
Oz.com Qualifikation Blitz
Weiß am 42. Zug

Eines vorneweg: Diese Stellung ist objektiv remis! Der auf dem Papier um über 400 Punkte stärkere Olafsson hatte keinerlei Vorteil erzielen können und war nun noch so gestreßt, daß er das Endspiel leichtsinnig verlor. In einer Blitzpartie wie dieser ist dies jedoch noch halbwegs verständlich. Kommen wir zuerst zum weißen Problem. Die Stellung weist keine Schwächen auf, nur der schwarze König ist minimal weiter vom Geschehen entfernt. Das einzige Einbruchsfeld wäre f4, aber dieses wird vom schwarzen Bauern auf g5 verteidigt. Also muß man diesen ablenken. Wahrscheinlich werden am Schluß nur die Randbauern übrigbleiben, aber es ist zumindest eine minimale Chance. Vielleicht patzt der Gegner? Und so geschah es auch, denn der schöpferische Geist des Weißspielers verfiel auf eine tückische Falle, die einen Bauern gewinnt - und die Partie, wenn der Gegner patzt: 42.h4! gxh4?? 43.Ke3 Kd5 44.Kf4 Ke6 45.Kg5 Ke5 46.Kxh4 Kf4 47.Kxh5 Kg3 48.Kg5 Kxg2 49.f4!, und nach zwei weiteren sinnlosen Zügen gab Schwarz auf.
Die Rettung war möglich mit 42...g4! 43.Ke3 g3!! 44.Kf4 Kd4 45.Kxg3 Ke3=, und Weiß käme trotz seines Mehrbauern nicht weiter...

Dazu vergleiche man die folgende Studie, die ich darauf basierend erstellt habe!

Siegfried Hornecker
Urdruck, 25.07.2005
wi04
komponiert am 06.05.2005
Remis

1.Kg3 a5! 2.b5! Ke6 3.Kf4 Kd6 4.b6!! Kc4 5.Ke5 Kxb6 6.Kd6!=
2.bxa5?
scheitert wie oben!
6.Kd4? Kc7! ist ebenfalls verloren!

Beispiel 3

Harold Francis Davidson - Max Judd
USA, 04. Kongress, 18.08.1876
Weiß am 51. Zug

Weiß schlug hier auf g7, und Schwarz wollte es ihm gleichtun. Nach 51.Kxg7 Kxg2?? 52.h4!+- gewann Weiß bald.
Dabei lag die Rettung so nahe: 51...h5! 52.Kg6 h4! 53.Kg5 Kxg2 54.Kxh4 Kxh2=. Wahrscheinlich sah Schwarz nicht, dass er den Bauern h2 seines Doppelzugrechts betrügen musste. Außerdem ist 51...h5! 52.h4 Kg3!= auch remis...

 

Ein Manöver, das ebenfalls häufig beim Randbauern vorkommt, zeigt die folgende Studie:

Siegfried Hornecker
Urdruck, 25.07.2005
wi04
komponiert am 08.06.2005
Gewinn

1.h3 Kf3 2.Kg5!/i Kg3 3.h4+-

i - 2.Kh5? Kf4!=
Ich überlasse es jedem Löser, selbst die Echo-Varianten bei 2.Kh5? Kg3? 3.h4 Kf4 4.Kh6? usw. herauszufinden!

Studie von Roycroft (Beispiel 4)

Arthur John Roycroft, EG Juli 2005, S. 497
Gewinn

Scheinbar kann Weiß den schwarzen König nicht abhalten, den Bf2 zu "fressen", aber es gibt doch eine überraschende und einfache Gewinnmöglichkeit!

1.d5!! Kxd5 2.Kb3 Kc5 3.Kc3 Kd5 4.Kb4 Kd6(!) 5.Kc4 Ke5 6.Kc5 Ke6 7.Kd4 Kf5 8.Kd5 Kg4 9.Kxe4 Kh3 10.Kxf3+-

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(c) 2005-2007 Siegfried Hornecker